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Pressemitteilung: Kärntnerstraße 1 / Containerdorf ?!

Nachdem schon länger bekannt ist, dass das Haus in der Kärntnerstraße 1 im Frühling 2007 abgerissen werden soll, erschienen in den letzten Tagen Berichte über eine neue Unterbringung der BewohnerInnen in den lokalen Printmedien. Da diese Berichte nur auf kolportierten Aussagen der Grazer Stadtregierung oder Ähnlichem beruhen, finden wir, die BewohnerInnen der Kärntnerstraße 1 als die Betroffenen, es notwendig, die Medienöffentlichkeit und die Grazer Stadtpolitik über unseren Standpunkt zu informieren, der bis jetzt ja nicht wirklich berücksichtigt wurde.
Nachdem schon länger bekannt ist, dass das Haus in der Kärntnerstraße 1 im Frühling 2007 abgerissen werden soll, erschienen in den letzten Tagen Berichte über eine neue Unterbringung der BewohnerInnen in den lokalen Printmedien. Da diese Berichte nur auf kolportierten Aussagen der Grazer Stadtregierung oder Ähnlichem beruhen, finden wir, die BewohnerInnen der Kärntnerstraße 1 als die Betroffenen, es notwendig, die Medienöffentlichkeit und die Grazer Stadtpolitik über unseren Standpunkt zu informieren, der bis jetzt ja nicht wirklich berücksichtigt wurde.



"Da war dem Sigi Nagl wieder langweilig..."



Bisherige Ereignisse sind ja hinlänglich bekannt: Nicht winterharte Sträucher am Hauptplatzbrunnen, regelmäßige Polizeiübergriffe, und als Gipfel des Säuberungswahnsinns (oder Putzfimmels?) das Landessicherheitsgesetz. Dieses öffnet der Willkür und totalitärem Verhalten der Polizei Tür und Tor. Zitat eines Polizisten bei einer Amtshandlung bei einer politischen Kundgebung: Weder Alkoholkonsum noch Sitzen in der Öffentlichkeit wären verboten "aber bei euch ist das was anderes." Mensch sollte sich fragen, ob wir wirklich noch in einem freien Land leben... Und das alles nur zu dem Zweck, die Innenstadt von unerwünschten, weil unangepassten, Menschen zu säubern und TouristInnen und EinkäuferInnen eine ungestörte Hingabe an den Konsumwahn zu ermöglichen - ohne sehen zu müssen, dass es auch Menschen gibt, die sich dem verweigern und die nicht wie ein toter Fisch im Strom mitschwimmen wollen/können. (Dass die Menschen, die jetzt den Brunnen bevölkern, ebenfalls soziale "Randgruppen" sind, kann mensch ja getrost übersehen, da sie sich brav und angepasst verhalten...)



Um eines sozialen Friedens willen sollen wir entweder verdrängt oder angepasst und integriert werden - die bisher grauslichste Bezeichnung dafür ist ja wohl die "Re-Sozialisierung"... Als wären jene, die das Spiel nicht mitspielen wollen, Asoziale; und die Herkunft dieses Wortes ist ja wohl bekannt. Auf diese Integration als Deckmantel für Assimilation und Gleichmacherei können wir getrost verzichten.



Die Verdrängungspolitik von devianten Subkulturen (dabei sehen sich die meisten von uns uns ja gar nicht als Sub- sondern als Gegenkultur, die provokant auftritt, um die bürgerlichen ArbeiterInnen-KonsumentInnen der Lächerlichkeit preiszugeben) wurde in den Mainstream-Medien begleitet von einer Hetze gegen "arbeitsunwilliges Gesindel", "Sozialschmarotzer" und ähnlichem. Zum Glück kann mensch diese Auswürfe, die sich zum Ziel gesetzt haben, die kleinbürgerliche Arbeitsmoral gegen Angriffe von allen Seiten zu verteidigen, ja ruhig ignorieren.



"450 Tausend Euros! A Waunsinn!"



Und doch: In eine ähnliche Kerbe schlagen die jüngsten Meldungen über eine neue "Punk-Siedlung" am Stadtrand, gebaut aus ehemaligen Olympia-Unterkünften, also Containern, die Stadträtin Kaltenbeck-Michl um 450 000 Euro ankarren möchte. Geldverschwendung?!? Mal abgesehen davon, dass sich der Betrag bei einem Jahresbudget von 770 Millionen Euro und bei 200 000 Euro allein für die Weihnachtsbeleuchtung wie ein Schas im Wind ausmacht, wer hat uns gefragt, ob wir überhaupt mit diesem Projekt einverstanden sind? Mit diesem Geld, aufgeteilt auf die BewohnerInnen der Kärntnerstrasse 1 könnte jedeR von uns anfangen, eine Existenz aufzubauen - auch eine, die die kapitalistische Verwertungslogik kritisiert und angreift. Auch kollektive Projekte ließen sich mit einem Bruchteil dieser Summe verwirklichen - und viele von uns wollen so ein Projekt selbstbestimmt in Angriff nehmen. Überhaupt: Der Paternalismus, den die Stadt Graz und im Besonderen das Sozialamt an den Tag legen, bewirkt bei uns einen Kotzreiz. Gerade so als wären wir entmündigt wird über unsere Köpfe hinweg entschieden. Nur mit Mühe können deshalb emanzipatorische Prozesse in Gang gebracht werden. Es ist offensichtlich, dass wir zu einem Spielball der Tagespolitik gemacht werden sollen: Egal ob uns die Stadtregierung einfach noch weiter weg vom Stadtzentrum haben will, egal ob wir dazu dienen sollen, die soziale Ader von PolitikerInnen zu befriedigen, damit sie sich im Kameralicht sonnen können.



Wer sind "wir" eigentlich? Schon mal überlegt...?



Den Prototypen des Grazer Punks/der Grazer Punkette, wie er in der öffentlichen Meinung verankert ist, gibt es so nicht. "Wir" stellen eine äußerst heterogene Gruppe dar. Nicht alle leben in der Kärntnerstraße, und selbst wir, die hier leben, haben komplett verschiedenartige Vorstellungen und Lebensentwürfe. Einige von uns rechnen sich dem anarchischen Spektrum zu, einige sehen sich als AusteigerInnen. Gemeinsam ist uns, dass wir uns nicht dem Produktivitätszwang unterordnen wollen, egal aus welchen Gründen; uns ist wichtig, ein selbstbestimmtes Leben zu führen: Lebenswert heißt für keinen von uns Freizeitfreiheit nach 8 Stunden Arbeit oder Konsumwahn. Attribute wie "geistig und körperlich verwahrlost", "verkrachte Existenzen" oder "aus zerrütteten Familienverhältnissen stammend" empfinden vor allem jene von uns, die unsere "andersartige Lebensform" (Peter Weinmeister) freiwillig gewählt haben, als eine Zumutung - ganz zu schweigen davon, dass die Situation jener Menschen, die wirklich Probleme haben, dadurch marginalisiert und ihrer Prekarität enthoben wird.



Die meisten der BewohnerInnen der Kärntnerstraße befürworten ein Wohnprojekt am Stadtrand mit viel Grünraum. Und dass das in Graz, wo rund 80.000 Wohnungen leer stehen, ein Problem darstellen könnte, empfinden wir als „Witz“.



Was ist jetzt mit unseren Wünschen?



Was wir wollen und einfordern, ist ein selbstbestimmtes Leben: Keine Toleranz, sondern Respekt! Wir halten von der Öffentlichkeit fast genau so wenig wie sie von uns. Im Gegensatz zur Stadtpolitik und zu den Mainstream-Medien kennen wir unsere Zukunft noch nicht, wir wollen sie aber selbst gestalten. Dazu gehört nicht nur die Ablehnung von Überwachungsmechanismen, der Verdrängung aus dem öffentlichen Raum und der Bevormundung durch das Sozialamt, das uns entmündigt, sondern auch die selbstbestimmte Erschaffung unseres kollektiven Lebensraums. Selbstständige Aktivitäten brauchen Freiraum von der Leistungs- und Verwertungslogik des Kapitalismus und von der Kontrolle jedes Quadratzentimeters öffentlichen Raums. Davon wird ohnehin schon genug vernichtet.



Unsere Wünsche für "das Leben nach der Kärntnerstraße" sind so vielfältig wie wir individuell sind: Angefangen von einem grünen Grundstück für uns und unsere Hunde, über Kultur- und Veranstaltungsräume und -hallen, bis hin zu zum Profit einiger der EigentümerInnen zerfallender, leerstehenden Häusern - von denen es in Graz, wie auch in allen anderen Städten, ohnehin zur Genüge gibt; außerdem befinden sich viele dieser Häuser im Eigentum der Stadt und sollten logischerweise, wenn sie ungenutzt sind, von Menschen, die sie brauchen, genutzt/bewohnt werden dürfen. Wenn wir, die Betroffenen, gefragt würden, wäre es auch möglich, mit einem viel geringeren Budget als momentan in den Medien kolportiert auszukommen. Als Wohnraum sind ja auch verlassene Kasernen im Gespräch – solche leeren, noch frei zu gestaltende Grundstücke würden uns den Raum zur Verfügung stellen, den wir selbst gebrauchen und gestalten können ohne kontrolliert und manipuliert zu werden.



Nur weil die meisten Menschen Angst vor der Freiheit haben, müssen wir nicht so werden wie sie!

Wir lassen uns nicht verheimlichen und verdrängen!

Die Konsumgesellschaft ist eine Qual für uns!
 
 

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