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Radioballett im Hamburger Hauptbahnhof

Hamburg: Übung in unnötigem Aufenthalt erfolgreich!
Über 300 Menschen nehmen am Ligna-Radioballett teil!
Für einen kurzen Moment wird der Hauptbahnhof wieder zu einem öffentlichen Raum.
Am Sonntag, dem 5. Mai 2002, fand das wohl unheimlichste Ereignis der letzten Jahre am Hamburger Hauptbahnhof statt: über 300 Menschen führten, verteilt über die Bahnsteige und das angeschlossene Einkaufszentrum "Wandelhalle, gleichzeitig wie ferngesteuert dieselben Gesten aus. Ligna hatte Hörerinnen und Hörer von FSK (Freies Sender Kombinat) zum Radioballett eingeladen: ausgestattet mit Radiogeräten zerstreuten sie sich über das gesamte Gebäude zu zerstreuen und - den Anweisungen aus dem Radio folgend - brachten massenhaft Gesten an den Bahnhof zurück, die durch die Privatisierung aus diesem verdrängt wurden.
Am intensivsten beforscht wurde bei dieser Übung in öffentlicher Irritation die Grauzone zwischen "erlaubten" und "unerlaubten" Gesten - wie z. B. zwischen der Geste, die Hand zu reichen und der Geste, die Hand aufzuhalten. Der kleine Unterschied in der Haltung der Hand ist in kontrollierten Räumen wie dem Hauptbahnhof von großer Bedeutung, entscheidet er doch darüber, ob man in ihnen verweilen darf oder ausgeschlossen wird. Für die 49 Minuten der Performance verwandelte sich der Bahnhof in einen gespenstischen, unheimlichen Raum, der sich dem von der Hausordnung Verdrängten öffnete.
Über die zerstreuten TeilnehmerInnen des Balletts erhielt das Einzug, was einen Ort zu einem Öffentlichen Raum macht: das Unerwartete.
Die künsterische Intervention verblieb somit nicht auf der symbolischen Ebene, sondern veränderte real die Situation am Bahnhof. Vorbereitet wurde dies durch journalistische Tätigkeit. Zwei Gruppen mit Handy und Radio berichteten live auf FSK vom Bahnhof und dem Verhalten des Wachpersonals. Sie interviewten Menschen, die Hausverbot erhalten hatten oder den Bahnhof sauber halten. Die Interviews wurden live im Bahnhof ausgestrahlt. Durch diese neue wie
erfolgreiche Form der Reportage sorgten sie für ein vorsichtigeres Vorgehen der Wachleute und bereiteten so den Raum auf das Radioballett vor.
Am Ende des Balletts, das vollkommen still vor sich gegangen war, brachen die TeilnehmerInnen und Zuschauer unerwartet in einen mehrmünitigen Applaus aus, der die überraschend zurückhaltenden Ordnungskräfte für einen kurzen Moment in Alarmbereitschaft versetzte.

Ähnlich rigoros wie Tag für Tag gegen unerwünschte Personen am Bahnhof war die Deutsche Bahn AG zunächst auch gegen das Radioballett vorgegangen. Im Vorwege strengte sie einen Antrag auf einstweilige Verfügung gegen die Aktion an. Das Landgericht Hamburg jedoch wies den Antrag ab und stellte fest, daß die Bahn und ihre Tochterunternehmen trotz der Privatisierung der Bahnhöfe grundrechtlichen Bindungen unterliegen. Unter Bezugnahme auf die verfassungsrechtlich verbürgte Kunst- und Meinungsfreiheit erkannte es das Recht des FSK an, das Radioballett durchzuführen. Das hanseatische Oberlandesgericht schloß sich dieser Entscheidung an verwarf eine Beschwerde der Deutschen Bahn AG gegen den Beschluß der ersten Instanz.
Beiden Gerichten konnte die Bahn zudem nicht glaubhaft machen, daß es sich beim Radioballett um eine Versammlung handeln würde, die den normalen Bahnverkehr behinderte. Stattdessen erkannten sie, worin das eigentliche Anliegen der Aktion lag: in der Zerstreuung.

Die Durchsetzung des Radioballetts wertet Ligna als einen politischen Erfolg: ein Ort, der bundesweit zum Vorbild für die Privatisierung öffentlicher Räume geworden ist und aus dem seit Jahren systematisch bestimmte Verhaltensweisen ausgegrenzt werden, öffnete sich für einen kurzen Moment, indem die verdrängten Gesten ihn heimsuchten. Diese Sternstunde dekonstruktiver Politik wird zwar den Zug in Richtung Privatisierung nicht aufhalten, aber der Versuch, die Notbremse zu ziehen, wurde - auch als Geste - gemacht.


fotos und kurzer bericht:

de.indymedia.org//2002/05/21525.shtml
 
 

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