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Antirassismus

Roma in Slowenien - ein Lokalaugenschein

Da in der Slowakei derzeit der Staat in rassistischster Art und Weise gegen Roma vorgeht, hier ein Bericht der slowenischen Netzwerkes DOST JE! (Es reicht!) /(www.dostje.org), das am 31. Jänner 2004 das Roma-Dorf Brezje besuchte. Auch dort gehört Rassismus (staatlicher und gesellschaftlicher) für die Roma leider zum Alltag. Der Text in der Übersetzung ist etwas gekürzt.
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Zu neuen öffentlichen Räumen

Diesen Samstag, am 31. Jänner, im Rahmen des Tages der MigratInnenrechte, der sich bewegenden globalen StaatsbürgerInnen, haben wir uns in das Roma-Dorf Brezje in der Region Dolenjsko aufgemacht. Dass wir uns an diesem Tag, der der Mobilisation für die Rechte der MigrantInnen gewidmet ist, in ein Roma-Dorf begeben haben, ist nichts aussergewöhnliches. Der Tag ist nämlich dem Kampf gegen die Zerstörung von Lebensformen gewidmet, die nicht der Logik des Profits entsprechen. Es ist der Tag der Mobilisation der Lebensweisen, die ungehorsam sind, die sich der Normalisierung widersetzen, deren Kreativität nicht an Disziplinierung gebunden ist, deren Grundstein die Würde ist.

Der Entscheidung, in ein Roma-Dorf zu fahren stand die aktuelle gesellschaftspolitische Situation in Slowenien Pate. Die Reproduktion der Dominanz hat nämlich eine ausgesprochen gewalttätige Form angenommen. Überall drängen sich monokulturelle Muster ein, bei jedem Schritt wird die Zugehörigket und Loyalität zur Nation überprüft, kulturelle, ethnische und politische Minderheiten sind werden zu inneren Feinden umgemünzt. In einem solchen Kontext bieten sich immer weniger Möglichkeiten zum Errichten neuer öffentlicher Räume, wo andere Diskurse und Haltungen kreisen würden, die Diskurse, die in der Vielfalt die Freiheit sehen, im Vermischen und im gemeinsamen Kampf für die Freiheit des Ausdrückens. Die Multituden sollen neuerlich in ein homogenes Volk umgewandelt werden und ihnen neue Führer (im Slo.: "fuehrerji", Anm. d. Übers.) aufgezwungen werden.

Wir sind zu zwölft nach Brezje aufgebrochen. Eine unbeeindruckende Zahl, die jedoch durch unsere Zusammensetzung potenziert wird. StaatsbürgerInnen und "Ausgelöschte"(1), diejenigen, die wir es geschafft haben Formen der reinen Interessenskonflikte abzuwerfen und eine Art der Kommunikation aufzubauen, die über die Solidarität eines NGO-Paternalismus hinausgeht. Damit blickten wir über den bestehenden nationalen politischen Raum hinaus und lernten gemeinsame Projekte zu definieren, sind der Bezeichnung "Multitude" gerecht geworden. Wir sind nicht mehr "wir" und "dir dort", sind auf dem Weg der Erfindung eines neuen Typs der StaatsbürgerInnenschaft (globale StaatsbürgerInnenschaft) und neuer Typen öffentlicher Räume.

Globaler Aktivismus verlangt neue Methoden. Er kann nicht angelehnt sein an Autoritäten, die uns unseren Platz geben in der gesellschaftlichen Aufteilung der Areit. Dann würde es genügen, wir wären alle AkadamikerInnen, würden eine Pressekonferenz einberufen und würden über abstrakte Knzepte von Menschenrecht und Rechtstaat reden.

Ins Roma-Dorf sind wir demnach nicht irgendwelche Wilde suchen gegangen. Wir gingen nicht hin als NGO-Missionare, um zu sehen ob die dortigen Menschen zivilisiserte, "normale StaatsbürgerInnen" werden könnten. In erster Linie leitete uns der Wunsch, das Leben in einem Roma-Dorf kennenzulernen, der Reichtum ihres Lebens, Strategien des Überlebens, in welcher weise sie unterdrückt waren und werden und wie sich ihre Lebensweise als Folge dieser Unterdrückung wiederspiegelt. Und um zu sehen, wie stark die Kraft ihrer Würde und Unbeugsamkeit ist, wie ihr Funke trotz jahrhundertelanger Unterdrückung noch glüht. Zum einen war es unser Wunsch über neue Formen öffentlicher Räume zu reden, die nicht von WissenschafterInnen und professionellen PolitikerInnen eröffnet werden, sondern durch das Bewusstsein, dass die Unterdrückung der/der Einzelnen die Unterdrückung aller bedeutet, das Bewusstsein das die Vorstellung des Aufbau der Gemeinschaft als offene und unendliche kollektive Kreation erhält.

Um zum Dorf Brezje zu kommen, muss mensch durch einen Kreisverkehr fahren, der von den BewohnerInnen des angernzenden Dorfes Bučja Vas für den Ausdruck ihrer kaltherzigen Vision der Welt benutzt wurde. Ihre Forderungen nach höheren Renten, Entschuldigung der Grundstückssteuer [stimmt das so? Anm. d. Übers.] und noch einiger anderer Privilegien, die ihnen nur deswegen zustehen sollten, weil im im Nachbardorf Roma leben, bestärken sie regelmässig mit Blockaden dieses Kreisverkehrs. Damit manifestieren sie ihren Hass zur Bewegungsfreiheit, zur Vielfalt, zum kennenlernen anderer, zur kritischen Reflexion der eigenen Lebensweise und dem Verstehen anderer Lebensweisen. Natürlich neigen zu solchem Hass alle, die sich kraftlos fühlen, die Angst haben, die keine aufrechte Haltung kennen. Bei den rassistischen Aktionen der BewohnerInnen von Bučna Vasi geht es auch im einen klaren politischen Hintergrund. Diese spontane lokale Initiative ist nur eine von vielen, die in letzter Zeit von einigen politischen Kräften erzeugt werden, die durch die Hezte gegen die "Ausgelöschten", gegen ein islamisches Glaubenszentrum (2) und gegen die Roma eine faschistoide Wahlkampfagenda schaffenn wollen, durch die sie glauben an die Macht zu kommen.

Die Strasse führt uns vom Kreisverkehr ins Dorf Brezje. Wohnwägen, Zelte und kleine, unisolierte Häuser ohne Verputz zeugen davon, dass wir im Dorf angelangt sind, das von allen Erfolgsgeschichten der letzten hundert Jahre umgangen wurde.
Wir parken unsere Autos und sogleich bekommen wir ein Gefühl von Freiheit, das in "üblichen" Dörfern nur schwer zu finden ist. Die Hunde laufen frei herum, keine Zäune vor den Häusern, die Kinder schwirren herum wie es ihnen gefällt. Wir sehen auch einen Zaun, den die Roma auf Verlangen der BewohnerInnen von Bučna Vas aufstellen mussten, um beide Dörfer physisch voneinander zu trennen. Auf den anderen Seite des Zauns ist noch ein grosses Feld, danach die ersten arischen Häuser [steht GENAU so im Originaltext, Anm. d. Übers]. Vielleicht ist das Feld übersäht mit Minen, sicher wäre es aber schön, würde mensch darauf einen Fussballplatz bauen, auf dem die Bewohner beider Dörfer Fussball spielen könnten. Vielleicht irgendwann mal. Nach den Erzählungen des Roma-Gemeinderates (3) wünschen sich die Jugendlichen sehr einen Fussballplatz, doch finden sie dafür keinen Platz.

Das grösste Problem der Roma ist ein Platz unter der Sonne. Für einen Roma gibt es kein Grundstück, auch eine Baugenehmigung bekommt er nicht. Deswegen besetzten Roma oftmals Grundstücke, wo sie ihre Siedlungen errichteten, bis die Polizei kam und sie verjagte, und so weiter. Die Bewohner von Brezje leben auf Gemeindegrund, neben einer Grube in die die Firma Krka krebsverursachende Gifte einsickern liess. Die Schuld dafür tragen natürlich die Roma. Die BewohnerInnen der slowenischen Dörfer sagen, sie erkranken an Krebs, weil die Roma Autoreifen anzünden und Kupfer herstellen. Dies tun die Roma nur deswegen, um zu überleben. Ein/e RomA bekommt nämlich keinen Job. Unter den 900 bis 1000 Roma, die in den Regionen Dolenjsko und Posavsko leben, kann mensch die mit Arbeit. auf zwei Händen abzählen. Indikator dieses Beschäftigungsrassismus ist die Geschichte über einen Roma, der eine Slowenin heiratete. Sie arbeitete auf der Post und als rauskam, dass sie mit einem Zigeuner verheiratet ist, wurde sie entlassen, da sie ja jetzt zu stehlen anfangen werde. Deswegen haben die Roma ihre eigene Überlebensstrategie entwickelt: Recyceln, Wiederverkaufen, etc. Die Roma finden sich zurecht, die slowenischen Nachbarn gönnen es ihnen nicht. Anstatt zu verhundern oder wegzuziehen, haben sie neue Überlebensstrategien entwickelt, die es ihnen ermöglichen sich ab und an sogar ein gutes Auto zu kaufen. Und schon ist alles falsch: "Die Roma stehlen, sind Sozialschmarotzer, betrügen". Zuerst werden sie ausgeschlossen und ihnen alle Türen versperrt, danach müssen sie sie anhören nicht so arbeitsam und anständig zu sein wie die SlowenInnen, die natürlich niemals stehlen noch betrügen und nicht im geringsten Löcher im System suchen.

Wo wir gerade bei der Anständigkeit der SlowenInnen sind. Wir wissen, dass die EU grosse Geldsummen für die Integration der osteuropäischen Roma gewidmet hat. Man fürchtet nämlich, dass alle Roma aus Ostäuropa, wo dümmliche Einparteienherschaft gegen rassistischen Delirium eingetauscht wurde, gen Westen ziehen werden. Deswegen wird Bildung für Roma finanziert, Projekte zur Erhaltung ihrer Kultur, der Sprache etc. Die Roma sagen, sie bekämen dieses Geld nicht. Wer bekommt es dann? Doch nicht vielleicht die Gemeinden in denen Roma-Communitys leben, die Gemeinden, die die Roma unterdrücken, missachten, diskriminieren und versuchen sie auf jeden Fall los zu werden? Das gilt es nachzuprüfen. Die Kinder gehen in slowenische Schulen, in denen einige LehrerInnen korrekt sind, andere wiederum nicht, die Erwachsenen haben organisierte Bildungsabende in der Cigo Bar. Nicht in Romanes, der Sprache der Roma. Und was uns überraschte, ist der Wunsch vieler Roma sich zu assimilieren, um so zu werden wie die SlowenInnen sind. Natürlich werden sie nie so werden können wie die SlowenInnen. So wie die "čefurji" [heisst soviel wie "Tschusch", Anm. d. Übers.], werden auch sie immer überprüft, niemals werden sie gut genug, um ihnen gleich zu sein. Deswegen muss das Konzept der slowenischen Nation als monokulturelles Konstrukt zerschlagen werden. Zuviele fühlen wir uns nämlich wie GefängnisInsassInnen.

Nach einem langem Gespräch mit dem Roma-Gemeinderat verliessen wir das Dorf Brezje, mit dem Bewusstsein, dass die Politik der Apartheid nicht mit dem Zusammenbruch des südafrikanischen Regimes geendet hat. Wieviel gibt es noch von diesen Dörfern, Vierteln, Fabriken, Baustellen, ganzen Bevölkerungskategorien, die mit der Gewalt der Apartheid konfrontiert werden? Wir werden nach Brezje zurückkehren. Wir hoffen, mit einem sog. Entwicklungsprojekt für die Multitude. Für den Anfang werden wir's mit dem Kino Cigo versuchen, mit einem einfachen Projekt, das die Roma zusammenbringen wird und die Kommunikation zwischen ihnen und uns fördern wird. Unter allen Eingesperrten des Volkes.

(1) Damit gemeint sind die "izbrisani", ca. 18.000 in Slowenien lebende Menschen, die nach dem Zerfall Jugoslawiens aus verschiedenen Gründen aus dem Melderegister geschmissen wurden und bürokratisch gesehen nicht mehr existent sind. Dadurch haben sie keinen Anspruch auf Sozialleistungen und gelten formell gesehen als Illegalisierte. Sie können demnach jederzeit abgeschoben werden. Die überwiegende Mehrheit der "izbrisani" besitzt KEINERLEI (!) Staatsbürgerschaft, werden also in keinem einzien Staat der Erde aufgenommen. Mehr dazu (leider nur auf Slowenisch) hier: www.dostje.org//Izbrisani/izbrisani.htm

Die slowenische Version dieses Berichts, unterlegt mit einigen zusätzlichen Bildern findet ihr unter dieser Adresse:

Inzwischen ist in Brezje der erste "Kino Cigo"-Abend angelaufen, ein Flugblatt davon findet ihr hier: www.dostje.org//Aktualno/kinocigo.jpg

(2) Der Kampf gegen ein islamisches Glaubenszentrum in Ljubljana ist derzeit eines DER Themen der slowenischen Rechten.

(3) Alle slowenischen Gemeinden, in denen Roma leben müssen eine/n Roma-VertreterIn im Gemeinderat haben. Leider ist das nur in den wenigsten Gemeinden der Fall.
 
 

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