Spät aber doch:
Berichte zweier Tierrechts/Tierbefreiungs-Workshops beim Wiener Kongress
Workshop "Aktuelle Strategien von Tierrechts/Tierbefreiungs-Kampagnen"
Am Donnerstag, den 12. Mai trafen sich rund 10 Personen um über Kampagnen-Arbeit am Beispiel aktueller Tierrechts/Tierbefreiungsaktivitäten zu diskutieren.
Zwei Aktivisten berichteten über die Entstehungsgeschichte von Kampagnenarbeit gegen tierausbeutende Unternehmen in Form von gut organisierten und koordinierten Netzwerken aus Kleingruppen, wie wir sie heute im Bereich Tierrechte/Tierbefreiung vorfinden. Durch ein Zusammenspiel legaler Aktivitäten (wie Demonstrationen, Kundgebungen, Medienarbeit etc.), Zivilem Ungehorsam (Ankettaktionen, Blockaden, Fax/Telefonaktionen) und illegalen Aktionen (Animal Liberation Front, Sachbeschädigungen etc.) gelingt es verschiedensten AktivistInnen immer wieder grosse Unternehmen auf internationaler Ebene unter Druck zu setzen. Durch massive Umsatzeinbußen, zunehmend schlechtes Image und Angst vor weiteren Aktionen konnten Tierausbeutungs-Unternehmen entweder gänzlich geschlossen werden oder es wurden ihnen Änderungen der Geschäftspolitik abgerungen.
Anhand von zwei aktuellen Beispielen (Kampagne gegen Huntingdon Life Sciences und Kampagne gegen den Pelzverkauf bei Peek&Cloppenburg) konnten Stärken, sowie bereits erreichte Erfolge veranschaulicht werden. AktivstInnen können bereits einige Erfolge verzeichnen: Unternehmen wie Huntingdon Life Sciences verlieren laufend Zulieferfirmen und Aktionäre, sie haben bereits ihr Konto und ihre versicherung verloren (bei beiden half der englische Staat aus). Auch insgesamt ist die Tierversuchsindustrie in Grossbritannien unter grossem Druck, dass sich schon mehrmals Pharmaunternehmen dagegen entschlossen haben in England Niederlassungen zu gründen - aus Angst vor TierrechtlerInnen. Ausserdem haben Kampagnen die internationale Vernetzung von Grassroots-AktivistInnen sehr verbessert und fördern eine Dynamik, die immer wieder neue Mittel des Protests hervorbringt. Aktive setzen sich bei Kampagnen realistische, erreichbare Ziele. Dies ist wichtig um auch Erfolge verbuchen zu können, Erfolge, die zumindest einen kleinen Schritt in Richtung Tierbefreiung darstellen und zeigen, dass es zumindest auf lange Dauer möglich ist Fortschritte in richtung Tierbefreiung zu machen.
Es wurden aber auch auftretende Probleme angesprochen, wie etwa die zunehmende Repression gegen legale Proteste. Gibt es massiven Widerstand gegen Tierausbeutung, sodass es eine Bedrohung für den Wirtschaftsstandort darstellt, kommt es immer wieder zu Verschärfungen des Gesetze und Repressionen gegen legale Demonstrationen. Ein weiteres Problem von Kampagnen stellt wohl auch die Beteiligung von Gruppen oder Einzelpersonen dar, die nicht unbedingt im Sinne der InitiatorInnen ist bzw. die u.a. reaktionäre Inhalte vermitteln.
Dennoch kann abschliessend gesagt werden, dass offenbar für viele AktivistInnen, die Vorteile des Campaigning nach wie vor überwiegen. Wie sich die Kampagnenarbeit weiterentwickeln wird und welche neue Ausprägungen sie finden wird, das bleibt abzuwarten und vor allem auch mitzugestalten.
*******
Nach einer kurzen Pause - einige Leute waren auch noch dazugestoßen - ging es
dann weiter unter dem Titel "Tierbefreiung und Antispeziesismus im
herrschaftskritischen Kontext".
Zu Beginn wurde ein Überblick über den aktuellen Zustand des Mensch-"Tier"-
Verhältnisses gegeben. Nichtmenschliche Tiere werden in unserer Gesellschaft vor
allem als "Ressourcen" zur Befriedigung der verschiedensten menschlichen
Interessen "genutzt", praktisch alle Bereiche ihres Lebens (von Zeugung über
Ernährung, Reproduktion, etc. bis zu ihrem vorzeitigen gewaltsamen Tod) werden
kontrolliert.
Wie tief die Unterdrückung und Ausbeutung von nichtmenschlichen Tieren in der
westlichen Kultur verankert ist, zeigt sich u.a. daran, dass viele Menschen es
als den "natürlichen Daseinszweck" der anderen Tiere ansehen, von Menschen
gefangengehalten und ermordet - nichts anderes bedeutet "Nutzung" - zu werden.
Im zweiten Beitrag wurde versucht, sich der Frage "Was sehen wir Menschen im
"Tier", das seine totale Ausbeutung rechtfertigt?" mittels einer kurzen
Beschreibung des "Tier"-Konstruktes anzunähern.
Die Wahrnehmung von nichtmenschlichen Tieren beruht nicht etwa auf empirischen
Beobachtungen und der Anerkennung der evolutionären Kontinuitäten zwischen allen
Tieren, sondern "das Tier" wird als Verkörperung all dessen, wovon sich Menschen
zu distanzieren wünschen, dem idealistischen Menschenbild als "das Andere"
gegenübergestellt - eine Vorstellung, die als "Mensch-Tier-Dualismus" bezeichnet
wird und die dem Speziesismus (der Ungleichbehandlung der Interessen von
Individuen unterschiedlicher Spezies) zugrunde liegt.
Aufschlussreiche Verbindungen zwischen diesem sozialen Konstrukt und anderen
traditionellen westlichen Dualismen - so z.B. Geist - Körper, Vernunft -
Instinkt, Kultur - Natur, Mann - Frau, etc. - und deren gemeinsamer Mechanismus
der Abwertung und Beherrschung wurden erwähnt und eine Forderung nach Auflösung
dieser Dualismen formuliert. Individuelle Unterschiede müssen anerkannt, dürfen
aber nicht zur Legitimierung hierarchischer Gesellschaftsmodelle
instrumentalisiert werden.
Als eine Konsequenz eines antispeziesistischen Anspruchs, d.h. also als
Weigerung, an der Unterdrückung nichtmenschlicher Individuen weiter aktiv
teilzuhaben, wurde der Veganismus vorgestellt.
Im letzten Teil dieses Workshops wurden die Rolle der Tierausbeutung als einer
spezifischen Form von Herrschaft thematisiert und neben strukturellen Parallelen
zu anderen Ausprägungen auch die vielen negativen sozialen und ökologischen
Konsequenzen der Tierausbeutungsindustrie hervorgehoben. Als Alternative zu
hierarchischen und unegalitären Gesellschaftsmodellen wurde die Anarchie
vorgeschlagen.
Insbesondere der letzte Beitrag gab Anlass zur Diskussion. So wurde
beispielsweise die Frage aufgeworfen wie - auch im Hinblick auf andere aktuelle
emanzipatorische Bewegungen - konkrete Gesetze zu beurteilen wären, die zwar die
konkreten Bedingungen in positiver Hinsicht modifizieren, den Bestand der
zugrunde liegenden Machtverhältnisse allerdings nicht gefährden oder gar
beenden.