In folgenden Aufsatz versuche ich Geschichte und Inhalt der "Kritischen Theorie" wiederzugeben. Sie war vor allem bedeutsam für die weltweite Bewegung der 68`erInnen, die sich auf die "Frankfurter Schule" berief. Dessen Tradition prägt auch heute noch Antikapitalistische Standpunkte. Deshalb finde ich es wichtig, den Ansatz der "Kritischen Theorie" zu verstehen, um aus ihren Erkenntnissen zu lernen und vielleicht Schlüsse für die Resignation einer rebellischen Generation zu folgern.
[Erstveröffentlichung at.indymedia.org]
Zur Entstehung der Kritischen Theorie
Historischer Abriss
Die "kritische Theorie", "Kritische Sozialphilosophie“ oder „kritische Gesellschafts-theorie“ genannt, hat ihren bedeutenden Anfang in der Gründung des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt/M im Jahre 1923. Daher auch die Bezeichnung „Frankfurter Schule“. Max Horkheimer , der neben anderen diese Denkrichtung besonders beeinflusste, wurde 1929 Direktor. 1932 wurde die erste Ausgabe der "Zeitschrift für Sozialforschung", als theoretisches Organ des Instituts herausgegeben. Theodor W. Adorno , Herbert Marcuse[1], Erich Fromm, Leo Löwenthal und Friedrich Pollock waren weitere Denker der „Frankfurter Schule“, die durch ihre Schriften hervortraten. Auch Walter Benjamin, der vom Institut finanziell unterstützt wurde, lieferte bedeutende Beiträge.
Das Institut beschäftigte sich vor allem mit den Fragen der ArbeiterInnen-Bewegung, des Sozialismus und den Theorien von Karl Marx. Mit der Übernahme der staatlichen Macht durch die Nationalsozialisten und dem Beginn des wohl schrecklichsten Abschnitts der menschlichen Geschichte, beschloss das Institut 1933 zu emigrieren. Zuerst nach Paris, Genf und schliesslich nach Los Angels und New York, wo es sich an die Columbia-Universität anschloss. 1950 kehrten Adorno und Horkheimer zurück nach Frankfurt/M an die Goethe-Universität und die „Frankfurter Schule“ wurde neu geboren. Die „kritische Theorie“ wurde von der anti-autoritären StudentInnenbewegung aufgenommen und prägte die gesamte soziale Bewegung der 68`er. Die „neue Linke“ bezog sich stark auf die „kritsche Theorie“ und zielte auf die Überwindung aller gesellschaftlichen Unterdrückungs- und Ausbeutungsformen ab. Bei Protesten gegen Autorität, Konsumgesellschaft, Patriarchat, Krieg -insbesondere dem Vietnamkrieg- und der Unterdrückung der Sexualität, sowie Umweltschutzfragen gingen weltweit Hunderttausende auf die Strassen.
Von Hegel zu Marx
Die Frankfurter Schule beruft sich auf Begriffe und Erkenntnisse der Philosophie von Karl Marx, und durch ihn auf Georg W. F. Hegel. Der Begriff der Dialektik im Sinne Hegels ist dabei besonders grundlegend. Dieser bezieht sich auf die dynamischen Rückwirkungen von These und Antithese, die Wechselwirkung zwischen Mensch und Gesellschaft. Er betont das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft, und konzentriert sich auf die Geschichte als wichtige Komponente der Philosophie. Im Mittelpunkt seiner Philosophie steht nicht der Einzelne isoliert, sondern als Individuum in Rückwirkung zur sich verändernden Gesellschaft und der gesamten Welt. „Der Weltgeist handelt durch den Einzelnen als sein Werkzeug, bis es das Ziel, die Freiheit aller, erreicht hat.“[2]
Die Dialektik nach Hegel durchläuft ein Schema: Die Gegensätze werden durch die Synthese nicht einfach aufgehoben, sondern sowohl beseitigt, als auch auf eine höhere Ebene gestellt/erhoben und auf dieser bewahrt. Die Dialektik ist dabei sowohl logisch (denkend) als auch metaphysisch (wirklich).
Sein dialektisches Gesetz erfolgt in 3 Stufen:
– Logik: Der Mensch ist im Zustand des An-sich-Seins
– Natur: Der Geist ist an die Natur (Raum und Zeit) gebunden
– Geist: Der Geist kehrt mit diesem Wissen zu sich selbst zurück
Die Marx`sche Philosphie
Marx führt zwar den Begrifflichkeit Hegels weiter und entwickelt die Theorie des dialektischen Materialismus, aber er stellt ein Stück weit Hegel auf den Kopf. Hegel war Idealist. Für ihn ist die Idee das eigentlich und allein Existierende, die Materie ist nur eine Erscheinungsform der Idee. Marx hingegen führt die Dialektik mit dem Materialismus zusammen. Der Geist ist lediglich das Produkt der Materie, die Materie das allein Wirkliche. Dialektik ist hier nicht ein konservatives (wie bei Hegel), sondern ein revolutionäres Prinzip. Die Welt ist nicht ein Komplex fertiger Dinge, sondern ein Komplex von Prozessen.
Er führt den Materialismus aber noch weiter. Bis dahin war der Materialismus undialektisch, statisch und unhistorisch. Der Materialismus ist bei ihm auch nicht abstrakt. Der Mensch ist nicht losgelöst von gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern der Mensch wird konkret gesehen, als in seine Umwelt eingebunden, als arbeitendes Lebewesen. Die Arbeit ist das, was den Menschen sich selbst entfremdet. Das Produkt seiner Arbeit beherrscht den Menschen und hindert ihn an der Verwirklichung seiner wahren Bestimmung. Diese Bestimmung heisst Freiheit. Die Philosophie hat für Marx nicht nur die theoretische Aufgabe, zu erkennen; sondern auch die praktische, zu verändern.
Marx nennt (seine) 3 dialektischen Stufen:
• Erkenntnis: Die bisherige Geschichte ist die Geschichte fortschreitender Selbstentfremdung des Menschen
• Handeln: Die Idee und die Wirklichkeit müssen versöhnt werden, die Selbstentfremdung so aufgehoben werden.
• Kritik: Die gesellschaftliche Wirklichkeit muss immer wieder abgewogen werden mit dem Ideal des Gemeinwesens und der wahren Bestimmung des Menschen (Freiheit).
Marx in der Entstehung der kritischen Theorien
Die kritische Theorie übernimmt zwar Wesenszüge der marxischen Philosophie, sieht diese jedoch nicht als Dogma, versucht sie zu reflektieren und zu überarbeiten. „Was in Hegel und Marx theoretisch unzulänglich blieb, teilte der geschichtlichen Praxis sich mit; darum ist es theoretisch erneut zu reflektieren, anstatt dass der Gedanke dem Primat der Praxis irrational sich beugte; sie selbst war ein eminent theoretischer Begriff“[3] schrieb Adorno.
Die Beeinflussung der Marx`schen Philosophie in der kritischen Theorie können in folgenden Punkten zusammengefasst werden:
• der grundlegende Bezug auf Marx (und Hegel) und damit die Blickrichtung auf die Gesellschaft
• die dialektische Methode
• der kritische Einschlag des Denkens: Kritische Reflektiertheit und kritische Betrachtung der umgebenden Gesellschaft
• der Versuch, theoretisches Denken mit praktischem Handeln zu verbinden
• die Bezogenheit auf die Zukunft im Sinne von Hoffnung, Erwartungen und verändernder Zielsetzung.
Die Theorie der Kritischen Theorie
Industriegesellschaft
Auf den Grundlagen von Karl Marx (Widerspruch Bourgeoisie und Proletariat)[4] entwickelte sich abseits vom Marxismus-Leninismus in der Sowjetunion, die „Kritische Theorie“, deren Bezeichnung dem Titel eines programmatischen Aufsatzes von Max Horkheimer aus dem Jahre 1937 entnommen wurde. Während in der Sowjetunion längst ein autoritärer Staat sich als „Diktatur des Proletariats“ verstand, beschrieb die kritische Theorie den „Autoritären Charakter“[5] und legte damit eine wichtige Arbeit zur Erklärung totalitärer Regimes vor. Gleichzeitig mit der Abgrenzung zum autoritären Marxismus beschrieben die PhilosophInnen der kritische Theorie den Herrschafts-charakter der modernen Industriegesellschaft und des Kapitalismus, die es zu überwinden gilt.
Ein wesentlicher Unterschied zur Leninistischen Entwicklung bestand auch darin, dass die kritischen Theoretiker, besonders Marcuse, die Problematik der Industriegesellschaft mit der Psychoanalyse von Sigmund Freud begründeten. Marcuse sah in der permanenten Unterdrückung der primären Triebe und Bedürfnisse nicht nur die Entwicklung des Individuums, sondern der gesamten Gesellschaft. Dabei stellte er Freud auch auf den Kopf, indem er Eros und nicht den Todestrieb als Grundlegung der Zivilisation postulierte. Die Hemmung und das Kontrollieren der Lust- und Glücksgewinnung sowie der Bedürfnisbefriedigung habe das Überleben und Zusammenleben der Menschheit gesichert. Dies soll in einen weiteren Schritt das Respektieren der gesellschaftlichen Regeln und Institutionen legitimiert haben. Hier setzt seine Kritik der Industriegesellschaft: Ein unnötiges Maß an Unterdrückung durch Interessen der Herrschaft von Institutionen, die in der sozialen Entwicklungsgeschichte des Menschen ungerechtfertigt waren/sind. Die kritische Theorie sieht in der Industriegesellschaft keinen Abbau von Unterdrückungsmechanismen, sondern eine erhöhte und vervielfachte Form von Repression „(...) bewussten und unbewussten, äußeren und inneren Vorgängen der Hemmung, der erzwungenen Einschränkungen und Unterdrückung“[6].
Konsumgesellschaft - Manipulation der Bedürfnisse
Obwohl in der Industriegesellschaft eine vermeintlich grössere Auswahl zur Befriedigung von Bedürfnissen besteht, erklärte die Kritische Theorie, dass es ich beim genauerem Hinsehen, um eine subjektive und oberflächliche Befriedigung handle. Die Konsumgesellschaft vermittle falsche repressive Bedürfnisse, die das unfreie Leben und die Triebunterdrückung fortbestehen lasse. Die eingeredeten Bedürfnisse sind somit die Ketten mit denen mensch an seine Herren gebunden ist und paradoxerweise als autonome Handlungen wahrgenommen werden. Marcuse schrieb dazu: „Die sogenannte Konsumentenökonomie und die Politik des korporativen Kapitalismus haben eine zweite Natur der Menschen erzeugt, die sie libidinös und aggressiv an die Warenform bindet. Das Bedürfnis, technische Gebrauchsartikel, Apparate, Instrumente und Maschinen zu besitzen, zu konsumieren, zu bedienen und dauernd zu erneuern, Waren, die den Leuten angeboten und aufgedrängt werden, damit sie diese selbst bei Gefahr ihrer eigenen Zerstörung gebrauchen, ist zu einem „biologischen“ Bedürfnis (...) geworden. Die zweite Natur des Menschen widersetzt sich jeder Veränderung, welche diese Abhängigkeit der Menschen von einem immer dichter mit Handelsartikeln gefüllten Markt sprengte oder vielleicht abschaffte – seine Existenz als Konsument aufhöbe, der sich im Kaufen und Verkaufen selbst konsumiert.“[7]
Verdinglichung und Entfremdungsthese
In der These der Entfremdung ist die Tradition der kritischen Theorie in der Marx`schen Philosophie wieder deutlich erkennbar. Die Gesellschaft und der Mensch existieren demnach nicht in ihrem Wesen bzw. Möglichkeiten, sondern sind entfremdet. Das Dasein des Menschen ist selbst ein Ding, dessen Kreativität und Kraft zu einem Bestandteil der automatisierten und industriellen Welt geworden ist, die alles als verwertbare Ware handelt.
Adorno adressiert seine Kritik, indem er schrieb: "Durch die ungezählten Agenturen der Massenproduktion und ihrer Kultur werden die genormten Verhaltensweisen dem Einzelnen als die allein natürlichen, anständigen, vernünftigen aufgeprägt."[8]
Sie/Er ist ein Teil der Maschine Massenproduktion, ein eintöniger Stereotyp ohne Spielraum für Eigeninitiative, Selbstbestimmung und schöpferische Aktivität. Vom Verwaltungsapparat bis zur Kunst werde der Mensch zum manipulierbaren Objekt, der seine „Echtheit“ und „Unmittelbarkeit“ verliert.
„Die Komposition ist verdinglicht, zu einem Museumsstück gemacht worden und ihre Aufführung zu einer Freizeitbeschäftigung (...), einer gesellschaftlichen Zusammenkunft, die besucht werden muss, wenn man zu einer bestimmten Gruppe gehört. Aber es ist keine lebendige Beziehung zu dem Werk, kein direktes, spontanes Verstehen seiner Funktion als eines Ausdrucks mehr verbleiben, keine Erfahrung seiner Totalität als eines Bildes dessen, was einmal Wahrheit genannt wurde“[9] verbildlicht Horkheimer die Kernaussage der Entfremdungsthese.
Repressive Vernunft
Im Streit mit dem Positivismus, der alles als unwissenschaftlich ablehnt, was nicht beobachtbar und letztlich durch wissenschaftliche Experimente erfassbar ist und dem Pragmatismus, welche das Denken vom Standpunkt der Brauchbarkeit beurteilt, musste die Grundaussage der kritischen Theorie - die dialektische Soziologie - verdeutlicht werden. In den Argumentationen wird dem Positivismus und Pragmatismus vorgeworfen, sich nur mit einem Detail zu beschäftigen und zu meinen, dadurch das Gesamte erklären zu können. Die kritischen Theoretiker verwendeten dabei Begriffe wie: „instrumentelle Vernunft“, „subjektive Vernunft“, „technische Rationalität“ oder „eindimensionales Denken“. Was darunter verstanden wird, wird am deutlichsten in der Formulierungen von Marcuse, indem er den naturwissenschaftlich-technischen Denkstil angreift: „In dieser formalen Logik ist das Denken gegenüber seinen Gegenständen indifferent. Ob sie geistig oder körperlich sind, ob sie die Gesellschaft oder die Natur betreffen, sie werden den selben allgemeinen Gesetzen der Organisation, Kalkulation und Schlussfolgerung unterworfen, aber als fungible Zeichen oder Symbole, unter Abstraktion von ihrer besonderen »Substanz«. Diese allgemeine Qualität (quantitative Qualität) ist die Vorbedingung von Gesetz und Ordnung - in der Logik wie in der Gesellschaft - der Preis umfassender Kontrolle. (...) Die formale Logik nimmt die Reduktion der sekundären auf primäre Qualitäten vorweg, bei der jene zu den mess- und kontrollierbaren Eigenschaften der Physik werden. Die Elemente des Denkens lassen sich dann wissenschaftlich organisieren - wie sich die menschlichen Elemente in der gesellschaftlichen Realität organisieren lassen. Vortechnische und technische Herrschaftsweisen sind der Grundlage nach verschieden - so verschieden wie Sklaverei von freier Lohnarbeit, Heidentum von Christentum, der Stadtstaat von der Nation, das Gemetzel an der Bevölkerung
einer eroberten Stadt von den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Jedoch ist die Geschichte immer noch die der Herrschaft, und die Logik des Denkens bleibt die Logik der Herrschaft.“[10]
Die Natur wird in diesem instrumentell- technologischen Denkstil aus dem Aspekt des Beherrschens gesehen und somit auch der Mensch an sich. In der Vernünftigkeit des vermeintlich Wirklichen ist die Vernunft zu einem repressiven Charakter verkommen und schränkt „Freiheitsspielräume“ ein, unterdrückt schöpferische Spontaneität. Die Vertreter der kritischen Theorie sahen des Weiteren in diesem Denken die Unfähigkeit soziale, politische, ökonomische, historische Prozesse in ihrer Gesamtheit und Wechselwirkung zu betrachten. Ihnen fehlte sozusagen die dialektische Erkenntnis.
Verantwortung der Wissenschaft
Die PhilsophInnen der Kritischen Theorie forderten die Wissenschaften immer wieder heraus, sich ihrer Verantwortung im Gesellschaftlichen Kontext bewusst zu werden. Ein Wissenschaftsverständnis, welche meint wertfrei in ihrer Kategorie zu wohnen, Abseits von gesellschaftlichen und politischen Belangen, unterliege einem großen Irrtum. Dass diese dazu unter dem Etikett Autonomie verkauft wird kritisiert Adorno: „Die Berufung auf Wissenschaft, auf ihre Spielregeln, auf die Alleingültigkeit der Methoden, zu denen sie sich entwickelte, ist zur Kontrollinstanz geworden, die den freien, ungegängelten, nicht schon dressierten Gedanken ahndet und vom Geist nichts duldet als das methodologisch Approbierte. Wissenschaft, das Medium von Autonomie, ist in einen Apparat der Heteronomie ausgeartet.“[11]
Revolutionärer Grundzug
Auch wenn die Kritische Theorie weniger Offensive die Revolution fordert, sieht sie in der modernen Industriegesellschaft und ihrer traditionellen wissenschaftlichen Denkweise, ein System der totalen Herrschaft, Unterdrückung und Manipulation. Sie hat dabei sich selbst den Anspruch erhoben, eine Alternative aufzuzeigen und die Überwindung des herrschenden Systems zu ermöglichen. Vor allem Marcuse hat oft kein Blatt vor den Mund genommen und die radikale Veränderung der Verhältnisse gefordert. Manche/r PhlilosphIn sah sich durch die Aussagen von Marcuse überfordert und stempelten die kritische Theorie als zu radikal ab. In der anti-autoritären Linken der 68`er Bewegung fanden kritische TheoretikerInnen ZuhöherInnen, deren Aktionismus in vielen Bereichen der Gesellschaft die Praxis zur Kritischen Theorie waren. Bei einer Vortragreihe in Berlin im Jahre 1967 meinte Marcuse: "Die fortgeschrittene Industriegesellschaft nähert sich dem Stadium, wo weiterer Fortschritt den radikalen Umsturz der herrschenden Richtung und Organisation des Fortschritts erfordern würde. Dieses Stadium wäre erreicht, wenn die materielle Produktion (einschließlich der notwendigen Dienstleistungen) dermaßen automatisiert wird, daß alle Lebensbedürfnisse befriedigt werden und sich die notwendige Arbeitszeit zu einem Bruchteil der Gesamtzeit verringert. Von diesem Punkt an würde der technische Fortschritt das Reich der Notwendigkeit transzendieren, in dem er als Herrschafts- und Ausbeutungsinstrument diente, was wiederum seine Rationalität eingeschränkt hat; die Technik würde dem freien Spiel der Anlagen im Kampf um die Befriedigung von Natur und Gesellschaft unterworfen" .
Was übrig blieb von einer „Kritischen Zeit“
Die meisten VertreterInnen der Kritischen Theorie bzw. AktivistInnen, die sich von der Kritischen Theorie angesprochen fühlten, haben sich im Laufe der Zeit in verschiedenen Bereichen in Institutionen integriert und zumindest kleinere Reformen und Umdenken in der Gesellschaft bewirken können. Die grosse Revolution blieb aus. Auch wenn sich viele der „Kritischen Zeit“ nicht zugestehen würden, weil sie sich ja stets davon distanziert haben, hatte das Ende des autoritären Sozialismus eine mentale Krise und Perspektivlosigkeit ausgelöst. Der Kapitalismus in seiner allgegenwärtigen Verwertungslogik oder wie es hieß die „Logik der Herrschaft“ feierte seinen Sieg und in seiner Beschränktheit das Ende der Geschichte.
Die gegenwärtigen globalen wie auch lokalen Entwicklungen bringen jedoch neue Proteste mitten aus der Gesellschaft, die zwar in der Tradition der revolutionären Dialektik steht, doch eine gewisse Distanz zur Resignation der Kritischen Theorie sucht. Die Kritische Theorie muss sich heute gefallen lassen, dass sie sogar zu wenig die gesellschaftliche Veränderung suchte, stattdessen in einer theoretischen Arroganz abhob und Herrschaft reproduzierte. Die 68`er Bewegung, die der „Frankfurter Schule“ wie begeisterte Fußballfans unmittelbar am Rasen zujubelten, konnten aus ihrem Aktionismus keine wählbare Alternative zur herrschenden Problematik entwickeln und ertappten sich schliesslich dabei, wie sie lediglich auf der Tribüne saßen und das Bier ausgegangen war. Es steht ausser Frage, dass viele Erkenntnisse der Kritischen Theorie ihre Aktualität beibehalten haben, jedoch die Veränderung auf sich warten lässt. Wahrscheinlich fehlt es noch immer an der notwendigen Vielzahl von Menschen, die bereit sind, ihr Denken, Verhalten und Handeln zu reflektieren und sich für eine grundsätzliche Neuorganisierung der Gesellschaft einsetzt. Eine solidarische Gesellschaft, in der die/der Einzelne den Raum zur Selbstbestimmung und Kreativität hat und die offen strukturelle wie auch subtile Ausbeutung/Unterdrückung des Menschen durch den Menschen ein Ende findet. Das Ende der Geschichte ist damit freilich nicht erreicht...
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Fußnoten
[1] Herbert Marcuse, geboren 1898 in Berlin, bedeutender Philosoph der "Frankfurter Schule". 1933 emigrierte er und lebte ab 1934 in den USA, wo er zeitweise an dem von Max Horkheimer geleiteten Institut für Sozialforschung mitarbeitete. Marcuse lehrte an der Havard University und an der University of California. Sein Aufruf zur radikalen Oppposition gegen die bestehende Ordnung brachte ihn in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre zur Antiautoritären Linken. Marcuse starb 1979 in Starnberg.
[2] Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie | S.527
[3] Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik | S.147
[4] Marx zufolge befindet sich die Gesellschaft in einem ständigen Widerspruch, der sich insbesondere in einem Konflikt zwischen den Inhabern der Arbeitskraft - den so genannten Proletariern - und den Besitzern der Produktionsmittel - den so genannten Bourgeois (Kapitalist) - ausdrückt. Bei diesem Konflikt handelt es sich um den berühmten Klassenkampf
[5] Erich Fromm beschrieb den autoritären Charakter als sadomasochistischen Charakter, der in der aktiven Variante überwiegend mit sadistischen Tendenzen (Freude an Beherrschung eines Schwächeren, Befriedigung durch Machtausübung) und in der passiven Variante überwiegend mit masochistischen Tendenzen (Freude an Unterwerfung unter einen Stärkeren, Befriedigung durch Gehorsam) in Erscheinung tritt. (Das hierbei zum Ausdruck kommende Verständnis von Sadismus/Masochismus ist nicht auf sexuelle Praktiken bezogen.) In gesellschaftliche Hierarchien fügt sich der autoritäre Charakter fraglos ein, weil er sich in der Identifikation mit Machtträgern nicht länger mit seiner Nichtigkeit und Ohnmacht konfrontiert sieht, sondern diese Gefühle kompensieren kann. Die autoritäre Gesellschaftsstruktur produziert Bedürfnisse nach Gehorsam, Unterwerfung und Machtausübung etc. und bindet das Individuum an Autoritäten und hierarchische Strukturen, die diese Bedürfnisse befriedigen.
/[www.de.wikipedia.org]
[6] Marcuse, Herbert: Treibstruktur und Gesellschaft | S14
[7] Marcuse, Herbert: Versuch über die Befreiung | S. 26
[8] Horkheimer Max & Adorno Theodor W.: Dialektik der Aufklärung | S.29
[9] Horkheimer, Max: Zur Kritk der instrummentellen Vernunft | S.47
[10] Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch | S.162, S.168
[11] Adorno, Theodor W. in: Kurt Salamun [Hrsg.]: Was ist Philosophie | Tübingen: Mohr Siebeck | 2001 | S.179
Literarturverzeichnis
• Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik | Frankfurt/M.: Suhrkamp | 1975
• Adorno, Theodor W.: Drei Studien zu Hegel | Frankfurt/M : Suhrkamp | 2003
• Horkheimer, Max & Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung | Frankfurt/M.: Fischer | 1987
• Horkheimer, Max : Zur Kritik der instrumentellen Vernunft | Frankfurt/M: Fischer | 1967
• Karl, Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie | Paris: Deutsch-Französische Jahrbücher | 1844
• Kühberger, Leo: We make History | Graz: Crew8020 | 2004
• Marcuse, Herbert: Triebstruktur und Gesellschaft | Frankfurt/M.: Suhrkamp | 1965
• Marcuse, Herbert : Der eindimensionale Mensch | Neuwied : Luchterhand | 1967
• Marcuse, Herbert: Versuch über die Befreiung | Frankfurt/M.: Suhrkamp | 1969
• Marcuse, Herbert: Das Ende der Utopie | Berlin: Neue Kritik | 1967
• Salamun, Kurt [Hrsg.]: Was ist Philosophie | Tübingen: Mohr Siebeck | 2001
• Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie | Frankfurt/M.: Fischer | 2002
Internet
•
www.de.wikipedie.org/ | Freie online Enzyklopädie im Internet
•
www.phillex.de/ | Online Lexikon der Philosphie
•
www.kritische-theorie.net/ | Sammlungen zur Kritischen Theorie
•
www.mlwerke.de/ | Reden, Schriften, Briefe, Wissenschaftliche Studien zu Marxismus-Leninismus
•
www.anarchismus.at/ | Text- und Bildsammlung zur Antiautoritären, Autonomen und Anarchistischen Standpunkt
weitere Literatur
• Arendt, Hannah: Macht und Gewalt | München: Piper | 1970
• Henrich, Dieter: Hegel im Kontext | Frankfurt/M : Suhrkamp | 1988
• Kofler, Leo: Geschichte und Dialektik | Frankfurt: Marxismus | 1982
• Marx, Karl: Das Kapital I, II, III | Berlin : Dietz | 1971
• Mühsam, Erich: Befreiung der Gesellschaft vom Staat | Berlin: Karin Kramer | 1988
• Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft | Gesammelte Schriften: Tübingen | 1922